Interview

Wissenschaft und Praxis optimal integriert

Anlässlich des Studienbeginns an der Psychologischen Hochschule Berlin (PHB) hat die Chefredakteurin der Fach- und Mitgliederzeitschrift des BDP “report psychologie” mit Gründungsrektor, Prof. Siegfried Preiser gesprochen.

Mit Beginn des Wintersemesters 2010/2011 startet die Psychologische Hochschule Berlin (PHB) ihren Lehrbetrieb. Die PHB ist eine Weiterbildungshochschule. Was heißt das?
Die PHB ist als gemeinnützige Gesellschaft eine unabhängige Institution, deren Autonomie in Forschung und Lehre grundgesetzlich geschützt ist. Aber selbstverständlich fühlen wir uns als BDP-Gründung dem Anliegen einer wissenschaftlich fundierten Berufspraxis verpflichtet. Lebenslanges Lernen gilt heute als universelle Forderung für alle beruflichen Entwicklungen, und auch staatliche Hochschulen entdecken zunehmend die Notwendigkeit, Angebote für Fort- und Weiterbildung zu entwickeln. Wir wollen auf universitärem Niveau in Forschung und Weiterbildung die Anwendung psychologischer Erkenntnisse zum Wohle unserer Klienten, Kunden und der Gesellschaft insgesamt fördern. Die breite Ausbildung zur Psychologin und zum Psychologen wird weiterhin in der Hand der staatlichen Universitäten bleiben. Wir betreiben die praxisorientierte wissenschaftliche Weiterbildung von Absolventinnen und Absolventen, die bereits einen ersten Diplom- oder Master-Abschluss erworben haben, und bieten unsererseits einen international anerkannten Weiterbildungs-Master an.

Am 5. Mai ist die staatliche Anerkennung für die PHB als nichtstaatliche Hochschule auf Uni-Niveau durch den Senat für Bildung Wissenschaft und Forschung erfolgt. Haben Sie einen Überblick, wie viele solche Anerkennungen auf dem Gebiet der Psychologie bzw. Psychotherapie bundesweit bereits ausgesprochen wurden?
Nach meiner Kenntnis gibt es nur eine vergleichbare Einrichtung in Hannover.

Werden weitere Studiengänge folgen und, wenn ja, auf welchen Gebieten?

Ja, wir wollen jedes Jahr einen weiteren Studiengang einführen. Konkret geplant sind derzeit verkehrspsychologische Eignungsbeurteilung und Beratung, außerdem Rechtspsychologie (forensische Begutachtung). Familienpsychologie, Schulpsychologie und interkulturelle Kommunikation könnten folgen. In diese Planungen wollen wir jedoch auch das externe Kuratorium einbeziehen.

Wie steht es um die personelle Ausstattung?
Wir sind derzeit im Auswahlverfahren der Professuren für die Klinische Psychologie und Psychotherapie: Die Ausschreibungen sind erfolgt, Gespräche der Berufungskommission mit Bewerberinnen und Bewerbern haben stattgefunden, externe Gutachten wurden erbeten. Im Berufungsverfahren gab es eine ganze Reihe interessanter Vorträge namhafter Psychologen (siehe Webseite der PHB www.psychologische-hochschule.de unter »Aktuelles«), die bereits zeigen, mit welchen Bewerbern wir u.a. im Gespräch waren bzw. sind. Wir gehen davon aus, dass wir gleichermaßen hochrangige Forschungs- und Lehrkompetenz aufgrund langjähriger wissenschaftlicher Erfahrungen wie auch innovative Impulse für die Weiterentwicklung von Forschung und Ausbildung erhalten werden. Namen kann ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht nennen. Bei der Auswahl der Bewerberinnen und Bewerber hat die Berufungskommission einen umfangreichen Kriterienkatalog verwendet, der u.a. innovative Forschungskompetenz, Lehrerfahrung und Managementfähigkeiten beinhaltete. Schon jetzt ist die Studienberatung mit der Diplom-Psychologin Jennifer Priewe besetzt.

Ist den Angeboten, die Sie ab Herbst machen, jeweils eine Marktanalyse vorausgegangen, oder woraus speist sich der Optimismus, dass für solche Weiterbildungs-Master ein starker Bedarf besteht?
Die beiden Studiengänge, mit denen wir beginnen, bieten die Möglichkeit, einen europaweit anerkannten Weiterbildungs- Master für Psychotherapie zu erwerben und gleichzeitig die Approbation für Psychologische Psychotherapie zu erlangen. Durch die Integration von praktischer Ausbildung und wissenschaftlicher Weiterbildung bieten wir eine verstärkte wissenschaftliche Fundierung der Berufspraxis. Und noch etwas ganz Entscheidendes: In Deutschland erfolgt die Ausbildung laut Gesetz entweder in VT oder in TP. In der psychotherapeutischen Praxis werden zunehmend mehr Therapieformen der verschiedensten Richtungen miteinander kombiniert – meist aufgrund der Intuition und Alltagserfahrung der Therapeutinnen und Therapeuten. Wir haben die Ausbildung von VT und TP unter einem Dach, in einem Fachbereich, und werden deshalb einen intensiven Austausch zwischen den beiden Richtungen fördern, beispielsweise durch gemeinsame Fallbesprechungen und methodenübergreifende Forschungsprojekte. Auch andere Verfahren, beispielsweise körperorientierte oder systemische, werden unsere Studierenden kennenlernen und theoretisch reflektieren.
Unsere Studierenden werden also lernen, die Integration verschiedener Verfahren auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse und theoretischer Analysen in die Praxis umzusetzen. Das hat durchaus Marktwert.

Die Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP) war bisher eines der größten Ausbildungsinstitute für Psychologische Psychotherapeuten in Deutschland. Sie wird weiter bestehen und Diplompsychologen bzw. Master bis zur Approbation führen. Konkurrieren damit nicht zwei Gesellschaften des BDP gegeneinander, und das auch noch im gleichen Haus?
Mit dem Studienangebot der PHB sprechen wir vor allem Studierende an, die gleichermaßen an der Berufspraxis und an deren wissenschaftlicher Fundierung arbeiten wollen, die mit der Master-Arbeit einen eigenen wissenschaftlichen Beitrag erarbeiten wollen, die ggf. sogar in Kooperation mit einer Universität auch noch eine Promotion anstreben. Wir gehen davon aus, dass es für die BAP weiterhin genügend Interessenten geben wird, die vorwiegend an einer fachlich fundierten und wissenschaftlich begründeten Vorbereitung auf die Berufspraxis interessiert sind.

Gibt es Synergieeffekte durch die Unterbringung beider Einrichtungen im Haus der Psychologie in Berlin?
Die Bibliothek steht selbstverständlich sowohl Ausbildungsteilnehmern als auch Studentinnen und Studenten zur Verfügung, ebenso die psychotherapeutische Ambulanz. Sicherlich werden erfahrene BAP-Dozentinnen und Dozenten auch Ausbildungsanteile in der PHB übernehmen können. Ich kann mir auch gemeinsame Vorträge und Workshops vorstellen, wenn wir externe Expertinnen und Experten einladen, beispielsweise für Themen wie Umgang mit Diversität in der Psychotherapie, kultur- und gendersensible Kommunikation, Psychoneuroimmunologie usw.

Die Ausbildung von PT wird mehr und mehr an Hochschulen wandern. Wie schwer wird es sein, gegen bereits etablierte Einrichtungen mit absehbar ähnlichen Studiengängen zu bestehen?
Die BAP gehört zu den ersten Ausbildungsinstitutionen, die nach dem Psychotherapeutengesetz anerkannt wurden. Von deren Erfahrung und deren Renommee werden wir selbstverständlich profitieren. Unsere psychotherapeutische Ambulanz ist eine der größten in Deutschland, und wir werden noch zusätzliche Außenstellen einrichten. Damit haben wir im Haus der Psychologie eine Anhäufung von praktischer und wissenschaftlicher Kompetenz, mit der wir sicherlich mit Ausbildungsgängen an staatlichen Universitäten sehr gut mithalten können. Das duale System der Ausbildung, die Integration von wissenschaftlichem Studium und Berufspraxis, wollen wir übrigens auch für die anderen Studiengänge etablieren.

Bereits in der Vergangenheit war die Psychotherapie-Ausbildung für Diplompsychologen mit hohen Kosten verbunden. Wird die Ausbildung jetzt noch teurer, und wodurch ließe sich das rechtfertigen?
Auch mit dem zusätzlichen wissenschaftlichen Master-Studium werden wir mit unseren Ausbildungskosten immer noch im Mittelfeld vergleichbarer Institutionen liegen, obwohl wir die Forschung auf universitärem Niveau mitfinanzieren. Wir arbeiten jedoch intensiv daran, über die Einwerbung von Spenden- und Sponsorengeldern die Ausbildungskosten weiter senken und in Einzelfällen auch Stipendien vergeben zu können. Schließlich ist bei der Psychotherapieausbildung zu bedenken, dass in der zweiten Ausbildungshälfte die gesamten Studiengebühren über die eigene Therapietätigkeit vollständig refinanziert werden können.

Auch die Dauer der Ausbildung, die ja häufig berufsbegleitend absolviert wurde, war ein Problem. Statt geplanter drei Jahre brauchte mancher Student bei der BAP fünf bis zur Approbation. Wenn der Anspruch nun steigt, und ich nehme an, das tut er mit dem Master: Welche Zeiträume sind, wenn man realistisch ist, zu veranschlagen?
Unser Studienangebot ist auf drei Jahre plus Masterarbeit konzipiert. Wir bemühen uns, mittels Block- und Wochenendveranstaltungen sowie der Nutzung von ELearning die Präsenzzeiten des Studiums sozial verträglich und alltagstauglich zu gestalten. Selbstverständlich kann es – wie an anderen Ausbildungseinrichtungen auch – zu Studienzeitverlängerungen kommen, wenn neben der Ausbildung eine umfangreiche Berufstätigkeit beibehalten wird. Das Master-Studium wird nicht unbedingt mehr Zeit als die bisherige Ausbildung in Anspruch nehmen, es wird eher eine andere Qualität haben. Die Vertiefung praxisbezogener wissenschaftlicher Forschungsmethoden während des Studiums wird gleichzeitig zur Vorbereitung auf die Master-Arbeit dienen. Für die Erstellung der Master-Abschlussarbeit müssen wir nur mit drei bis sechs Monaten zusätzlicher Studienzeit rechnen.

Die Datenbasis der BAP bietet eine große Chance, jetzt eine Evaluation der hier im Haus der Psychologie durchgeführten Therapien auch im eigenen Haus durchzuführen. Die BAP wird das freuen. Was bedeutet es für die PHB?
Die Therapiedokumentationen sowie die ständig laufenden Therapien in der Ambulanz bieten sowohl für unsere Studierenden eine hervorragende Datenbasis für anspruchsvolle Master-Arbeiten als auch für unsere Lehrenden eine Arbeitsmöglichkeit für wissenschaftlich fundierte Grundlagen- und Anwendungsforschung.

Das Gespräch führte Christa Schaffmann.