Wie das Gehirn scharfes Sehen vorgaukelt

Das Nervensystem greift auf frühere Seherfahrungen zurück, um vorauszusagen, wie unscharfe Objekte scharf aussehen könnten. Zu diesem Schluss kamen Psychologen der Universität Bielefeld.

Unser Auge kann lediglich in der Fovea centralis, im Zentrum der Netzhaut Objekte wirklich scharf abbilden. Entsprechend sehen wir nur einen schmalen Bereich unserer Umwelt – etwa von der Größe des Daumennagels am Ende des ausgestreckten Arms – wirklich präzise. Dennoch haben wir für gewöhnlich den Eindruck, einen Großteil unserer Umwelt scharf und detailliert wahrzunehmen. Wie das Gehirn uns dieses vermeintlich scharfe Sehen vorgaukelt, untersuchten Psychologen der Forschungsgruppe Neurokognitive Psychologie an der Universität Bielefeld in einer aktuellen Studie.

Lernen mit unzähligen Blickbewegungen

Die Forscher führten eine Reihe von Lernexperimenten durch. Sie gingen davon aus, dass Menschen im Laufe ihres Lebens lernen, unscharfe Seheindrücke von Objekten außerhalb der Fovea centralis mit den scharfen Bildern, die nach einer Blickbewegung entstehen, zu verknüpfen. So würde beispielsweise das verschwommene Bild einer fliegenden Möwe mit dem scharfen Seheindruck nach der Blickbewegung zu dem Vogel hin kombiniert. Sieht die betreffende Person nun wieder im Augenwinkel unscharf eine Möwe, vergleicht ihr Gehirn dieses aktuelle Bild mit gespeicherten unscharfen Objekten. Liegt ein passendes Objekt vor, ersetzt das Gehirn den unscharfen Eindruck durch ein präzises Bild aus dem Gedächtnis – bevor sich die Augen tatsächlich bewegen. Die Person glaubt somit, dass sie die Möwe bereits scharf sehen kann, bevor das eigentlich der Fall ist.

Neue Verknüpfungen im Experiment

Mit Hilfe des sogenannten Eyetrackings, spezieller Kameras, die die Blickbewegungen erfasst, untersuchten die Psychologen die Richtigkeit ihrer Hypothesen. Dazu werteten sie die schnellen, sprunghaften Augenbewegungen (Sakkaden) ihrer Versuchspersonen aus. Unbemerkt von den meisten Versuchsteilnehmern wurden im Versuch bestimmte Objekte während der Blickbewegung verändert. Ziel dieser Manipulation war es, die Versuchspersonen bislang unbekannte Verknüpfungen von außerfovealen und fovealen, also von unscharfen und scharfen Seheindrücken erlernen zu lassen.

Seheindruck abhängig von Erfahrung

Tatsächlich zeigte sich, dass die Verknüpfung eines unscharfen mit einem scharfen Seheindruck bereits nach wenigen Minuten zustande kam: Als die Probanden gebeten wurden, die Merkmale außerfovealer Objekte zu beschreiben, beschrieben sie diese wie die neu erlernten scharfen Seheindrücke.

Die Wissenschaftler schließen aus diesem Ergebnis auf die Richtigkeit ihrer Annahmen: Der Seheindruck hänge wesentlich von gespeicherten Erfahrungen in unserem Gedächtnis ab. Wir sehen also nicht die wirkliche Welt, sondern unsere Vorhersagen.

Quelle: idw



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