Vom Vergessen und Erinnern

Unter welchen Umständen erinnern sich Menschen gut an Aufgaben, die sie in der Zukunft erledigen müssen? Welche Faktoren sind verantwortlich, wenn sie den Job dann doch vergessen? Dies untersucht der Psychologe Tobias Grundgeiger am Institut für Mensch-Computer-Medien.

Vergleichbare Situationen hat jeder schon einmal erlebt: Man sitzt an einer Arbeit und hat dabei im Hinterkopf, dass man in einer halben Stunde beim Zahnarzt anrufen und einen Termin vereinbaren muss. Ein plötzliches Klingeln an der Haustüre erzwingt eine Unterbrechung: Die Nachbarin fragt, ob man ihr mit ein paar Eiern aushelfen kann. Stunden später fällt einem siedend heiß ein, dass man den Anruf beim Zahnarzt vergessen hat.
Welche Mechanismen hinter dieser Art des Vergessens stecken und welche Strategien es möglicherweise verhindern: Das erforscht der Psychologe Dr. Tobias Grundgeiger in den kommenden zwei Jahren. Grundgeiger ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologische Ergonomie der Universität Würzburg; die Deutsche Forschungsgemeinschaft unterstützt sein Projekt mit rund 85.000 Euro.

„Wenn wir im Alltag etwas zu erledigen vergessen, ist das unerfreulich und im schlimmsten Fall mit einem zusätzlichen Aufwand verbunden. Gravierende Konsequenzen hat es in der Regel glücklicherweise nicht“, sagt Grundgeiger. Im Beruf könne das jedoch ganz anders aussehen: Wenn eine Krankenschwester vergisst, einem Patienten sein Medikament zu geben, weil sie zu einem Notfall an ein anderes Bett gerufen wird; wenn ein Pilot in seiner Checkliste einen Punkt übersieht, weil er dem Tower dringende Informationen geben muss, dann kann ein Vergessen schnell Menschenleben in Gefahr bringen.

Das prospektive Gedächtnis

Vom „prospektiven Gedächtnis“ sprechen Psychologen, wenn sich Menschen Arbeiten merken, die sie in der Zukunft erledigen wollen. „Ich muss daran denken, auf dem Nachhauseweg beim Bäcker vorbeizugehen und Brot einzukaufen“, ist ein typisches Beispiel für das prospektive Gedächtnis. „Ich muss meinem Kollegen bei unserem nächsten Meeting eine Kopie meines neuesten Aufsatzes mitbringen“, könnte es in der akademischen Welt heißen.

Grundgeiger interessiert sich allerdings für Prozesse, die noch eine Stufe komplizierter sind. Während sich die bisherige Forschung größtenteils auf Szenarien konzentriert, in denen die beabsichtigte Handlung immer direkt im Anschluss an ein bestimmtes Ereignis oder zu einem bestimmten Zeitpunkt ausgeführt werden soll, geht der Psychologe einen Schritt weiter. Er will wissen, wie der Prozess abläuft, wenn eine Störung oder Unterbrechung die Erledigung der Arbeit zusätzlich verzögert. Beispielsweise wenn der Arzt die Krankenschwester auffordert, die Infusionsrate höher zu stellen, diese aber gerade damit beschäftigt ist, die Alarmgrenzen am Monitor eines Patienten einzustellen. Die Krankenschwester muss also diesen Auftrag so lange zurückstellen, bis sie ihre momentane Arbeit erledigt hat.

Unterbrechungen verschlechtern die Ergebnisse

„Aus früheren Untersuchungen wissen wir bereits, dass verzögert auszuführende Aufgaben deutlich häufiger vergessen werden, wenn während der Verzögerungsphase Unterbrechungen auftreten“, sagt Grundgeiger. Wie in dem obigen Krankenhaus-Beispiel müssen die Teilnehmer in den Experimenten dieses Projekts die Ausführung einer Aufgabe für eine gewissen Zeit aufschieben. In dieser Zeitspanne werden die Teilnehmer durch verschiedene zusätzliche Aufgaben abgelenkt. Zum Beispiel müssen sie zeitgleich eine weitere Aufgabe bearbeiten – Stichwort Multitasking – oder werden ganz unterbrochen. „Unterbrechungen in dieser Phase senken die Erinnerungsleistung um 30 bis 40 Prozent“, sagt Grundgeiger.

Welche Faktoren wirken sich besonders negativ auf die Erinnerungsleistung aus, welche fördern sie? Das werden Grundgeiger und seine Mitarbeiter in den kommenden zwei Jahren untersuchen. Die Art wie man abgelenkt wird, also durch Multitasking (man macht beispielsweise seine Aufgabe weiter, während man mit einem anderen redet) oder Unterbrechung (man pausiert mit seiner Aufgabe und widmet sich ganz der unterbrechenden Unterhaltung) könnte die Erinnerungsleistung einer zukünftigen Aufgabe beeinflussen, vermutet der Wissenschaftler.

Interesse aus der Industrie

Praxisrelevant werden die Ergebnisse des Projekts zum Beispiel im Training für Ärzte, Krankenpfleger und Piloten, wenn sie im Umgang mit Unterbrechungen geschult werden sollen. Vor kurzem wurde Grundgeiger von einer großen Fluggesellschaft kontaktiert, die ihr Pilotentraining neu konzipiert. Das prospektive Gedächtnis und der Umgang mit Unterbrechungen soll in diesen Trainings in Zukunft eine zentrale Rolle einnehmen. Gut möglich, dass Grundgeigers Erkenntnisse in dieses Training einfließen werden.

Quelle: idw



In: Forschung

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